Ungeahnte Probleme können beim Übersetzen auftreten. Kleine Unachtsamkeiten können größte Missverständnisse bewirken.
Auf dieser Seite dürfen Sie ein wenig reinschnuppern in die Werkstatt der Bibelübersetzer.
Jerusalem - im Himmel?
Kinder dieser Zeit (Lukas 20,34)
Jesus ist Herr (Tansania)
Jesus ist Herr (Guatemala)
Vergebung und Kieferknochen
Hornhaut auf dem Herzen (Markus 16,14)
Die Vergebung der Sünden (Markus 1,4)
Weiß wie Schnee (Matthäus 28,3)
Wer würde seinem Sohn eine Schlange geben? (Lukas 11,11)
Ein unmögliches Feuer (Jakobus 3,5)
Wie soll das Kind heißen? (Lukas 1,61)
Wer sündigte hier? (Weihnachtsgeschichte)
Jerusalem – im Himmel?
von Richard Steinbring
Wie erklärt man Menschen, die tausende von Kilometern von Israel entfernt leben, wie die Israeliten zur Zeit Jesu lebten? Es gibt kaum Gemeinsamkeiten zwischen der Kultur eines kleinen Bergvolkes in Papua und der Kultur der Israeliten. Vielleicht gerade noch, dass sie meist zu Fuß gehen und sich auch mit hartem körperlichem Einsatz das tägliche Brot erarbeiten müssen. Wobei die Menschen im Hochland Papuas es dank reichlichen Niederschlags wesentlich einfacher haben, als die Israeliten im trockenen Palästina. Aber grundsätzlich ist in Papua fast alles anders: Die Tierwelt, die Landschaft, die Sitten und natürlich Sprache und Denkweise, die vom Animismus geprägt sind.
Bald war eine kleine Gruppe von Männern in meinen Bildführer vertieft. Ich musste vieles erklären, denn das Buch war ja auf Deutsch geschrieben.
Bei einem der Fotos wurden die Männer ganz aufgeregt. Sie redeten so schnell miteinander, dass ich nicht mehr mitkam. Was war los mit dem Bild? Es war ein Foto von Jerusalem. Ich dachte mir nicht viel dabei, Jerusalem eben. Die Bildunterschrift konnte Simon sogar auf Deutsch lesen. Sie waren verwirrt – und ich auch, weil ich nicht wusste, was daran jetzt so aufregend sein sollte.
Dann bemerkte einer: „Wir dachten immer, Jerusalem gäbe es nur im Himmel.“ Sie hatten die ganze Zeit geglaubt, dass die Geschichten der Bibel sich im Himmel, in der jenseitigen Welt, abspielten. Erst jetzt wo sie ein Bild von Jerusalem auf der Erde gesehen hatten, wussten sie, dass das ein Missverständnis war.
Ich ging nachdenklich nach Hause. Wieder einmal wurde mir bewusst, warum Bibelübersetzung so wichtig ist. Und welche Missverständnisse entstehen können, wenn das Evangelium in einer fremden Sprache zu den Menschen kommt.
Ja, ins himmlische Jerusalem, da will ich auch einmal hin. Aber es gibt noch eine Menge zu tun bis wirklich alle Völker gehört haben, dass Gott auf die Erde gekommen ist – auch ins irdische Jerusalem.
Kinder dieser Zeit
von Ernst-August Gutt
Auch Bibelübersetzer, die in ihre eigene Muttersprache übersetzen, können Fehler machen oder Dinge missverständlich ausdrücken. Es kann z.B. leicht passieren, dass Übersetzer unbewusst der Ausdrucksweise einer Landessprache oder des Griechischen folgen, obwohl ihre eigene Sprache bestimmte Dinge ganz anders ausdrücken würde. So war im Übersetzungsentwurf der äthiopischen Yemsa-Sprache in Lukas 20,34 von den „Kindern dieser Zeit“ die Rede. Beim Nachfragen stellte sich heraus, dass sich dieser Ausdruck in der Yemsa-Sprache - anders als im neutestamentlichen Griechisch - buchstäblich nur auf Kinder, d.h. Minderjährige, beziehen kann. Da Jesus aber nicht nur von Kindern sprach, sondern von den Menschen im Allgemeinen, muss in dieser Sprache und an dieser Stelle das Wort für Menschen verwendet werden, sonst kommen die Leute zu einem falschen Verständnis.
Jesus ist Herr
von Michael Endl
Beim Burunge-Volk in Tansania ist eigentlich niemand so recht "Herr" über jemand anderen. Deshalb hatte auch keiner von ihnen geglaubt, dass es in ihrer Sprache überhaupt ein Wort für "Herr" geben würde. Was also tun, wenn die Bibel in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen von "Herr" spricht? Im Hebräischen wurde ja aus Ehrfurcht der Name Gottes oft nicht ausgesprochen und stattdessen "Herr" gelesen. Und im Neuen Testament wird "Herr" für Jesus gebraucht, insbesondere für Jesus, den auferstandenen Herrn.
Wie sollten wir auf dieser Grundlage einen angemessenen Titel für Jesus finden? Intensiv haben wir mit den Einheimischen darüber diskutiert. Nach vielen Gesprächen erwiesen sich auch die Begriffe für Leiter im politischen und religiösen Bereich als untauglich. Die geistliche Bedeutung von "Herr" sollte ja in dem gewählten Titel auch zum Ausdruck kommen.
Ein einheimischer Pastor kam schließlich auf die richtige Spur: "Wenn bei uns jemand gestorben ist, dann sagen wir oft, 'Er der Eigentümer (Looimoo) hat ihn geholt.'" Gemeint ist damit der Hochgott Iliitleemu, an den die Burunge ihrer traditionellen Religion gemäß glauben. Er hat alles gemacht und hat Macht über alles, auch die Macht, Leben zu geben und zu nehmen.
Daraufhin haben wir anhand von einigen Bibelstellen getestet, ob der Begriff "Looimoo" auch im biblischen Kontext verwendet werden kann. Alle waren begeistert und so ist "der Herr" in Burunge nun "der Eigentümer, dem alles gehört".
Solche Erfahrungen sind auch für uns persönlich sehr bereichernd. Wie oft sagen oder lesen wir "Herr" und denken uns gar nicht viel dabei. Wenn ich jetzt stattdessen denke "der Eigentümer, dem alles gehört", dann hat das auch Auswirkungen auf mein Gottesverständnis.
nach einem Bericht von Rita Peterson, Guatemala
Wenn im Neuen Testament davon die Rede ist, dass Jesus der "Herr" ist, der über uns "herrscht", dann war das Vorbild für diese Ausdrücke der römische Kaiser und andere absolute Herrscher jener Zeit. "Herrschen" schloss damals die uneingeschränkte Befehlsgewalt des Herrschers und den unbedingten Gehorsam der Untergebenen ein. Für uns an Demokratie und Meinungsfreiheit gewohnten Mitteleuropäer ist die volle Bedeutung dieser Wörter kaum noch nachvollziehbar. Deshalb besteht durchaus die Gefahr, dass wir sie missverstehen und nicht im ursprünglich gemeinten Sinn beherzigen.
Völker, die noch Häuptlinge, Könige oder andere Herrscher kennen, verstehen diese Ausdrücke viel klarer und genauer. Das trifft auch auf das Volk der Aguacatec in Guatemala zu. Sie sind Nachfahren der Mayas und leben ganz in der Nähe der Ruinen der alten Maya-Hauptstadt Zaculeu. Dort ist noch heute der steinerne Thron zu sehen, von dem aus der Herrscher über das riesige Reich regierte. Der Respekt vor der Autorität des Herrschers hat sich bis heute in der Sprache der Aguacatec erhalten.
Als die Bibelübersetzer sich mit Versen beschäftigten, in denen von Jesus als "unserem Herrn" die Rede ist, weigerten sich die einheimischen Mitarbeiter, das wörtlich so zu übersetzen. Sie meinten: "Wenn Jesus der Herr ist, können wir ihn nicht besitzen!" Sie schlugen stattdessen die Wendung "Ajcaw ske’j" vor, die soviel wie "zu dem wir gehören und der über uns ist" bedeutet. Damit ist für die Aguacatec ein für alle Mal klar: Jesus gehört nicht uns, sondern wir gehören ihm! Vielleicht sollten wir unsere deutschen Übersetzungen ändern, damit es auch für uns so klar wird!
Vergebung und Kieferknochen
nach einem Bericht von Dr. Eugene Nida
Das Kyaka-Volk auf der Insel Neuguinea hat kein Wort für „Vergebung“. Vergebung gilt bei ihnen auch nicht als erstrebenswert, im Gegenteil, Rache spielte in ihrer Kultur eine weit größere Rolle. Wenn jemand einen Menschen tötete, dann nahmen die Familienangehörigen dem Toten den Unterkieferknochen heraus, reinigten ihn und hängten ihn am Türpfosten der Hütte auf. Das erinnerte alle daran, dass der Tod gerächt werden musste - wann immer sich eine Gelegenheit bot, und sei es erst in der nächsten Generation.
Als Menschen aus diesem Volk zu Jesus fanden, wurden sie mit seiner Aufforderung konfrontiert, anderen zu vergeben. Sogar ihren Feinden! Sie kamen nicht um die Frage herum, was sie nun mit den Kieferknochen an ihren Türpfosten tun sollten. Es fiel ihnen nicht leicht, die jahrhundertealten Forderungen ihrer Kultur über Bord zu werfen, aber schließlich sagten sie sich: Gott hängt wegen unserer Schuld keine Kieferknochen gegen uns auf, dann können wir auch keine gegen andere Menschen aufhängen. Also nahmen alle Christen die Kieferknochen an ihren Türen, brachten sie zusammen, und verbrannten sie öffentlich. Das war ein starker Ausdruck ihres neuen Glaubens an Jesus! Und seitdem wird die Redewendung, die das Verbrennen der Kieferknochen bezeichnet, bei ihnen als Ausdruck für Vergebung benutzt.
(Dr. E. Nida ist Übersetzungsfachmann der Vereinigten Bibelgesellschaften.
Der Bericht entstammt dem UBS World Report vom Januar 1999)
Hornhaut auf dem Herzen (Markus 16,14)
In vielen Sprachen ist es üblich, seelische Zustände und Charaktereigenschaften mit bestimmten Körperteilen zu verbinden.
Auch die biblischen Ursprachen tun das oft. So werden zum Beispiel im Griechischen dem Mitleid die Eingeweide als Sitz zugewiesen. Allerdings deckt es sich durchaus von Volk zu Volk nicht, welche Eigenschaften welchen Körperteilen zugewiesen werden. So siedeln wir im Deutschen das Mitleid im Herzen an (jemand hat ein "weiches Herz").
Bei der Bibelübersetzung sind Ausdrücke wie diese besonders heikel. Das mussten auch die Übersetzer bei den Ichil-Indianern in Guatemala erkennen. Im Markus-Evangelium Kapitel 16 schimpft Jesus die Jünger wegen ihrer "Hartherzigkeit". Aus dem Zusammenhang wird klar, dass es darum ging, dass die Jünger starrsinnig an ihrem Unglauben festhielten und einfach nicht einsehen wollten, dass Jesus auferstanden war. Die Ichil-Mitarbeiter sahen kein Problem, den Ausdruck "hartherzig" in der Übersetzung zu benutzen, der sei bei ihnen gang und gäbe.
Erst als einer der Übersetzer nachfragte, wurde klar, dass dieser Ausdruck absolut nicht passte: Für die Ichil war es eine Bezeichnung für Mut. Aber Jesus verteilte hier ja keine Komplimente für den Mut der Jünger! Nach einigem Suchen kamen die Ichil dann auf den Ausdruck "Herz mit Hornhaut", der genau die Sache traf.
Übrigens würde auch im Deutschen der Ausdruck "hartherzig" an dieser Stelle nicht passen, es geht ja nicht um Geiz oder fehlendes Mitleid. Für uns wäre vielleicht eher der Hals als der passende Körperteil angebracht: "Ihr Halsstarrigen, warum könnt ihr nicht glauben?"
Die Vergebung der Sünden (Markus 1,4)
Als das Markus-Evangelium in die Krumen-Sprache (Elfenbeinküste) übersetzt wurde, stolperte der afrikanische Übersetzer über das Wort „Vergebung“: Ohne viel zu überlegen setzte er das französische Lehnwort „pardon“ ein, das in den Kirchen an der Elfenbeinküste durchweg dafür verwendet wurde. Johannes der Täufer verkündete also: „Ändert euch von Grund auf und kehrt um zu Gott. Bei ihm bekommt ihr das „pardon“ für eure Sünden!" Zur Kontrolle wurde die Übersetzung noch mit einer anderen Person getestet. Erste Testfrage: „Was macht Gott mit den Sünden?“ Antwort: „Nun, Gott wird die Sünden nahe an sein Herz legen und immer daran denken.“ Die Testperson hatte genau das Gegenteil verstanden von dem, was der Übersetzer sagen wollte!
Des Rätsels Lösung lag im umgangssprachlichen Gebrauch des Wortes "pardon". Außerhalb der Kirche benutzen es die Krumen nämlich, wenn sie jemanden um einen Gefallen bitten. Damit meinen sie, der Gebetene möge sich die Angelegenheit zu Herzen nehmen und immer daran denken. Irgendwann zu Beginn des 20. Jahrhunderts, als die ersten Missionare in dieses Gebiet kamen, hatten sie das französische Wort "pardon" für Vergebung eingeführt, aber sie haben wohl nie geprüft, ob das auch richtig verstanden wird.
Nach dieser Erfahrung wurde schleunigst nach einem besseren Ausdruck gesucht. Den Übersetzern kam ein Wort aus der Schule in den Sinn: Wenn man mit Kreide etwas auf die Wandtafel schreibt, kann man es mit einem Lappen auslöschen. Dafür benutzen die Krumen das Wort „wuwla“. Das steht nun bei Johannes dem Täufer und an vielen anderen Stellen, wo vom Vergeben die Rede ist. Endlich wird den Krumen klar kommuniziert, dass Gott etwas Besseres im Sinn hat, als ständig an unsere Sünden zu denken.
Weiß wie Schnee (Matthäus 28,3)
Was ist das reinste Weiß für ein Volk, das weder synthetische Farben noch chemische Bleichmittel kennt? Der Schnee natürlich. Diesen Umstand machten sich auch mehrere Autoren von biblischen Büchern zunutze. Schnee ist in Israel zwar relativ selten, und durchaus nicht jeder Jude zur Zeit Jesu hat einmal welchen in der Hand gehabt, aber an klaren Tagen kann man ihn immerhin auf dem Gipfel des Berges Hermon glänzen sehen.
Wie aber soll man dieses Wort für Völker übersetzen, bei denen niemals Schnee fällt und die deshalb auch kein Wort dafür kennen? Der Übersetzer für die Sharanahua-Indianer im Urwald von Peru stand vor diesem Problem. Er versuchte also herauszufinden, welchen Vergleich die Sharanahua benutzen würden, um besonders reines Weiß zu beschreiben. Dabei stieß er auf eine interessante Wendung: Ein wichtiges Nahrungsmittel der Indianer ist die Wurzelknolle der Yucca-Palme, und eine frisch geschälte Yucca-Knolle ist für die Indianer der Inbegriff von reinem Weiß. So ist in ihrer Bibel das Kleid des Engels "weiß wie frischer Yucca".
Wer würde seinem Sohn eine Schlange geben?
(Lukas 11,11)
Viele Bibelverse scheinen leicht übersetzbar, weil sie Dinge erwähnen, die jeder kennt, wie zum Beispiel Schlangen und Fische. Aber ein vorsichtiger Übersetzer ist auf der Hut und prüft jeden Vers, ob er auch richtig verstanden wird.
Als das Lukas-Evangelium in der Sprache der Barasano in Kolumbien fast fertig übersetzt war, prüften die Übersetzer ihre Texte noch mit mehreren einheimischen Testpersonen. Bei der Überprüfung mit Herrn Motero kamen sie zu Lukas 11,11: "Ist unter euch ein Vater, der seinem Sohn eine Schlange geben würde, wenn er um einen Fisch bittet?" Natürlich nicht - so würden wir, ähnlich wie die Juden zur Zeit Jesu, empfinden. Die Reaktion bei Herrn Motero war aber ganz anders: Er und seine Familie essen nämlich gerne Schlangenfleisch. Es wäre sogar etwas Besonderes, wenn er eine Schlange aus dem Urwald mitbringen und sie seinem Sohn zu essen geben würde. Diese Vorliebe für Schlangenfleisch macht diese Bibelstelle für die Barasano völlig missverständlich.
Die Übersetzer mussten also herausfinden, welches Tier die Barasano ihren Kindern niemals zu essen geben würden. Schließlich entschlossen sie sich, die Schlange durch einen Aal zu ersetzen, denn die Barasano verabscheuen Aale. Damit war der Sinn dieser Bibelstelle verständlich übersetzt.
Ein unmögliches Feuer (Jakobus 3,5)
In Jakobus 3,5 lesen wir: "Welch kleine Flamme setzt doch einen großen Wald in Brand!" Man sollte meinen, dieser Vers sei einfach zu übersetzen für Leute, die an offenen Feuern kochen und inmitten unendlicher Wälder wohnen. Es bereitet auch keinerlei Schwierigkeiten, die richtigen Wörter zu finden. Doch Manuel sieht mich merkwürdig an... Es kommt im tropischen Regenwald einfach nicht vor, dass der Wald brennt. Wegen der häufigen Regengüsse ist es viel zu nass, und jeder weiß das.
Jakobus gebraucht dieses Beispiel, um zu veranschaulichen, welch eine schlimme Auswirkug unsere Worte haben können. Eine wörtliche Übersetzung würde den Eindruck vermitteln, dass Jakobus keine Ahnung hatte, wovon er da schrieb, und deshalb nicht besonders ernst genommen werden kann. Dieses Beispiel zeigt, dass es nicht reicht, für jedes Wort im Ausgangstext ein passendes Wort in der Zielsprache zu finden. Wir müssen auch die Lebensweise der Leute und die Umgebung berücksichtigen, wenn eine Übersetzung richtig verstanden werden soll.
Wie soll das Kind heißen? (Lukas 1,61)
Lydia Hoeft berichtet aus Äthiopien: Bei unserer Übersetzungsarbeit stellen wir immer wieder Gemeinsamkeiten zwischen der jüdischen Kultur und der Kultur der Koore in Äthiopien fest. Aber in manchen Punkten sind sie auch ganz gegensätzlich. Zum Beispiel wird in der jüdischen Kultur der erstgeborene Sohn oft nach dem Großvater oder wenigstens nach einem anderen Verwandten benannt, während in der Koore-Kultur gerade kein Name eines Verwandten genommen werden darf.
Als Elisabeth und Zacharias in Lukas 1,61 erklären, dass ihr Sohn Johannes heißen soll, reagieren die Verwandten mit der Bemerkung: "Es gibt niemand in deiner Verwandtschaft, der so heißt." Die jüdischen Zuhörer verstehen das als Einwand: "Nein, das Kind darf nicht so heißen, denn niemand in der Verwandtschaft heißt so." Ein Koore würde genau das Gegenteil verstehen: "Jawohl, das Kind kann Johannes heißen, denn niemand in der Verwandtschaft heißt so."
Wie sollten wir die Reaktion der Verwandten übersetzen? Wir haben die unausgesprochene Annahme "explizit" gemacht, also den kulturellen Hintergrund erklärend in den Text eingefügt. In der Sprache der Koore heißt diese Stelle jetzt so: "Er soll nicht so heißen, denn es gibt in deiner Verwandtschaft niemanden, der so heißt."
Wer sündigte hier? (Weihnachtsgeschichte nach Lukas)
Die Weihnachtsgeschichte im Lukasevangelium, eine frohe Botschaft für die Welt - so denken wir jedenfalls. Umso überraschter war ein Bibelübersetzer in Südamerika über die Reaktion seines einheimischen Mitarbeiters auf diesen Text: "Das ist ja die traurigste Geschichte, die wir bis jetzt übersetzt haben", war sein Kommentar. Auf die erschrockene Nachfrage, was denn daran so traurig sei, meinte der Indianer: "Nun ja, da ist so viel Sünde getan worden." "Wirklich?" "Ja, mindestens vier mal! Aber wir können sicher etwas daraus lernen."
Der Übersetzer fragte sich, ob sie wirklich beide die gleiche Geschichte meinten. "Siehst du", erklärte der Mitarbeiter geduldig, "Maria war schwanger, bevor sie Joseph geheiratet hatte. Bei uns ist das jedenfalls eine Sünde, allerdings nur eine kleine, es passiert ja alle Tage."
"Das lässt sich aus der vorangegangenen Geschichte erklären", meinte der Übersetzer, "aber was waren die anderen Sünden?"
"Also, erstens, als sie nach Bethlehem kamen, gab ihnen niemand einen Platz zum Übernachten. Die Leute dort waren wohl ärgerlich über die erste Sünde. Aber dann begingen sie eine noch schlimmere Sünde. Nicht gastfreundlich zu sein, das ist wirklich schlimm, niemand hier bei uns würde jemand wegschicken, der um ein Nachtquartier bittet.
Dann muss das Verhalten der Leute von Bethlehem die Maria so getroffen haben, dass sie nach der Geburt ihr Kind auch noch hingelegt hat. Das war auch eine schwere Sünde. Eine gute Mutter hält ihr Kind doch bei sich und trägt es immer mit sich herum. Nur wer sein Kind nicht haben will, legt es hin, und das ist eine noch schwerere Sünde. Aber das war nicht alles: Sie legte ihr Kind auch noch in die Futterkrippe. Was könnte schlimmer sein als sein Kind den Tieren zum Fressen hinzulegen? Siehst du, so wurde aus einer kleinen Sünde eine Folge von vielen schwereren Sünden. Das ist es wohl, was wir aus der Geschichte lernen können!"
Dem Übersetzer wurde sofort klar, dass der Indianer das Verhalten von Maria in der Weihnachtsgeschichte nach den Anstandsregeln seines Volkes beurteilt und darum so viele Sachen missverstanden hatte. Er war mehr als dankbar, dass er durch die Unterhaltung mit seinem Mitarbeiter darauf gestoßen war, denn nun konnte er durch einige Anpassungen in der Übersetzung diese Missverständnisse ausräumen. So wurde aus der traurigen Geschichte doch noch frohe Botschaft für die Indianer. (Nach einem Bericht von Übersetzungsberaterin Diana Greenn)
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